Dienstag, 24. Juli 2012

Denkanstöße - eine wirklich traurige Geschichte

Es gibt Tage da fragt man sich, ob man im richtigen Film ist und Tage, an denen man diese üblichen Zweifel an der menschlichen Intelligenz hat. Es gibt auch Tage, da sitzt man auch einfach nur in der Uni, hört Lehren von Utilitarismus und Opportunismus und denkt bei sich im Stillen einfach nur: Haben sich das wirklich Menschen vor fast 200 Jahren ausgedacht? Ich meine: Menschen? Wirklich?

Man müsste wirklich meinen gerade die gesellschaftliche Bildungselite, die mit solchen Lehren noch in der Anfangsphase ihres Studiums der menschlichen Gesellschaft in Berührung kommt sollte sie nicht nur gelernt, sondern gerade auch aus ihnen etwas gelernt haben. Und dann kommen die Ereignisse, die einen schlagartig die Realität bewusst machen: Die Menschheit kann noch so viel Wissen horten, den Weltraum, die sieben Weltmeere und den menschlichen Anus erforschen, doch wird wohl nie etwas hinzulernen. Und plötzlich regt man sich nicht mal mehr über die Einsparungen im Bildungsbereich auf, denn man beginnt zu verstehen, dass es doch wohl das einzig Richtige sein muss, da zu sparen, wo es am sinnvollsten ist. Sprich Tage, an denen man die Hoffnung auf jede Rationalität und Vernunft des menschlichen Wesens verliert.

Es gibt diese Tage, da sitzt man in einem Hörsaal einer deutschen Universität hört einer ausgebildeten und durch Doktorarbeit und Habilition (!) bestätigten Professorin eines Fachs - welches nicht umhin kommt, durch und durch mit mathematischer Statistik zu tun zu haben - zu und fragt sich, ob so die Bildungspolitik der Zukunft aussieht. Ob nicht die neuen wissenschaftlichen Mitarbeiter des Lehrstuhls am Bahnhof unter Oettinger-trinkenden und sich gegenseitig anpöbelnden Hauptberuf-Assis rekrutiert werden oder gar die Professorin selbst einem solchen Milieu entstammt. Das wirklich schlimme an gleich beschriebenen Vorgang ist aber, dass selbst die Studierenden einer solchen Bevölkerungsgruppe anzugehörigen scheinen.

Angesprochene Professorin trug selbstsicher und mit gewohnt überlegenem Lächeln auf dem Gesicht der versammelten, angespannt zuhörenden Studierendenschaft ihr Bepunktungsschema der anstehenden Klausur vor:

4 mögliche Antwortmöglichkeiten pro Frage. Jede Frage, bei der die richtigen Antwortmöglichkeiten angekreuzt wurden, ergibt 1 Punkt. Jede Frage, bei der mind. eine richtige Antwortmöglichkeit angekreuzt ist 0,5 Punkte. Zum Verständnis für Studierende und Professorin: Ankreuzen aller Antwortmöglichkeiten jeder Frage würde 0,5 von 1 vergebenen Punkt bedeuten, bei der allseits benutzten Formel 50%+1 der vergebenen Punkte für das Bestehen der Klausur.

Ein sehr nettes Entgegenkommen der Professorin, mögen einige jetzt antworten, sogar sich selbst, Heinz Blöd oder Guido Westerwelle eine Chance auf das Bestehen zu geben. Doch das traurige an dieser netten Geste ist, dass die die Professorin mit stoischer Haltung ihr Punktesystem vorstellte und selbst noch nicht einmal - vielleicht erklärbar durch das Überspringen der ersten beiden Klasse der Grundschule aufgrund ihrer Intelligenz und ihrem direkten Einstieg in die Schulmathematik auf dem Elite-Gymnasium mit Integralrechnung, Kurvendiskussion und ihresgleichen - verstand, welches unter den heutigen Professoren wahrscheinlich einmalige Entgegenkommen an die Studierendenschaft dies bedeutete.

Aber nein. Denn der nächste wirkliche traurige Punkt an diesem Tage für mich war nur wenige Minuten später während der Diskussion erreicht, als die Professorin ihr System der Punktevergabe als fair gegenüber den Studierenden rechtfertigen musste. Besonders traurig für mich, da mir die Chance auf ein einfach verdientes "bestanden" genommen wurde.

Genauso wie man jetzt danach fragen könnte, was wohl an diesem Fall wirklich trauriger ist, die Punktevergabe der Professorin oder die Reaktion der Studierendenschaft; die Frage ob unser Bildungssystem endlich dort angekommen ist, wo es sollte - an dem Punkt, wo die Grenze der Intelligenz zwischen Lehrkörper und Auszubildenden verschwimmt - könnte man auch die Frage nach der Einordnung in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext stellen: Was ist trauriger - dass ich eine solche Geschichte zu erzählen hab oder dass sich der ein oder andere Leser jetzt kaputt lachen wird.

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